Wissenssicherheit und sicherheitsrelevante Forschung im Wissenschaftssystem

Jakob Edler (Foto: Peter Himsel)

Sicherheitsrelevante Forschung erhält eine neue strategische Bedeutung. Prof. Dr. Jakob Edler, Geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI (Karlsruhe) thematisiert die strategische Entwicklung von Hochschulen unter sich verändernden globalen Rahmenbedingungen. Grundlage seiner Ausführungen ist das Wissenschaftsrats-Papier "Wissenschaft und Sicherheit in Zeiten weltpolitischer Umbrüche" aus dem Jahr 2025, an dem er mitwirkte.

Foto: Peter Himsel

Geopolitische Spannungen, technologische Abhängigkeiten und hybride Bedrohungen prägen Wissenschaft und Forschung zunehmend. Ausgangspunkt der Überlegungen und Empfehlungen des Wissenschaftsrats ist eine zunehmend konfrontative sicherheitspolitische Lage: Die Zunahme von Risiken und Bedrohungen, das Erstarken autokratischer Systeme und die Erosion der liberalen regelbasierten Nachkriegsordnung prägen das internationale Umfeld. Zugleich hat sich das westlich geprägte demokratische Modell global nicht im erwarteten Maße durchgesetzt. Forschungsarbeiten und Technologien weisen zudem in wachsendem Maße einen inhärenten DualUseCharakter auf, insbesondere in Feldern wie Bio und Quantentechnologie oder der Künstlichen Intelligenz. Über sehr hohe Forschungskapazitäten in diesen Bereichen verfügen auch Staaten außerhalb des demokratischen Spektrums.

Vor diesem Hintergrund hat der Wissenschaftsrat Empfehlungen zum Umgang mit Wissensrisiken sowie zum Beitrag der Wissenschaft für den Schutz und den Aufbau einer resilienten Gesellschaft formuliert. Beide Ziele sind von zentraler Bedeutung: Einerseits ist das Wissenschaftssystem aufgrund seiner Offenheit besonders vulnerabel, andererseits leistet es durch seine Innovationskraft wesentliche Beiträge zur Sicherheit des Gemeinwesens. Derzeit ist das System jedoch noch nicht ausreichend auf diese Herausforderung vorbereitet; in Deutschland besteht in zweifacher Hinsicht Nachholbedarf.

Sicherheit wird dabei umfassend verstanden. Sicherheitsrelevant ist Forschung, insofern sie zur inneren und äußeren Sicherheit, zur Resilienz und zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen beiträgt, diese jedoch auch gefährden kann. Im Wissenschaftssystem bedarf es daher sowohl einer erhöhten Aufmerksamkeit für Wissenssicherheit als auch für die Bedeutung sicherheitsrelevanter Forschung.

Mit Blick auf Wissenssicherheit sieht der Wissenschaftsrat zunächst jede Wissenschaftlerin und jeden Wissenschaftler in der Verantwortung, die Risiken der eigenen Arbeit realistisch einzuschätzen. Dafür sind ausreichende Informationen und Unterstützungsstrukturen erforderlich. Bestehen Zweifel, sollen identifizierte Risikotypen gemeinsam mit anderen Forschenden oder mit Beauftragten der Einrichtung geprüft werden. In der Verantwortung der Leitungen von Hochschulen und Forschungseinrichtungen liegt es, hierfür geeignete Unterstützung bereitzustellen. Empfohlen wird die Entwicklung und Implementierung einer schlanken, handhabbaren und zugleich klaren Risikobetrachtung, die je nach Größe und Risikoprofil der Einrichtung unterschiedlich ausgestaltet sein kann; einrichtungsübergreifende Modelle sollen geprüft werden. Zudem sollte die geplante Nationale Plattform für Forschungssicherheit sicherstellen, dass die Aktivitäten in den Hochschulen bedarfsgerecht rückgekoppelt werden können an Strategische Intelligenz des Bundes.

Zur Stärkung sicherheitsrelevanter Forschung wird ferner empfohlen, systemische Forschungsansätze gezielt zu fördern, etwa durch Förderlinien, Synthesezentren und Innovation Hubs. Ergänzend wird ein Strategisches Dialogforum vorgeschlagen, das auf Grundlage regelmäßiger Risikoanalysen Forschungsbedarfe systematisch identifiziert und europäisch eingebettet weiterentwickelt.