Sicherheitsrelevante Forschung als Strategiefrage für Hochschulen

Befunde aus dem Hochschul-Barometer 2025
 

Maik Gebert (Foto: Peter Himsel)

Vor dem Hintergrund geopolitischer Umbrüche und wachsender gesellschaftlicher Erwartungen stellt sich zunehmend die Frage, ob und wie Hochschulen sich in sicherheitsrelevanter Forschung engagieren. Maik Gebert, Referent für Forschung und Innovationspolitik im Stifterverband, hat mit Marian Burk und Dr. Pascal Hetze drei Mythen untersucht, welche in der Debatte über sicherheitsrelevante Forschung in Deutschland immer wieder für Missverständnisse sorgen: Ohne eine gezielte Übersetzung sicherheitspolitischer Bedarfe in Forschungsagenda, Transferstruk­turen und Kompetenzaufbau bleibt Sicherheitspolitik strategisch unvollständig.

Foto: Peter Himsel

Die drei Missverständnisse

1) Ein höheres Verteidigungsbudget schafft automatisch mehr Sicherheit

Mit der Zeitenwende sind die geplanten Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit deutlich gestiegen. Häufig ist damit die Erwartung verbunden, dass höhere Budgets automatisch zu mehr Sicherheit führen. Doch die Konflikte von heute sind nicht die Konflikte von morgen. Sicherheit entsteht nicht allein durch Beschaffung, sondern durch die Fähigkeit, Bedarfe frühzeitig zu erkennen, technologische Entwicklungen voranzutreiben und diese wirksam in die Anwendung zu überführen. Forschung, Innovation und Marktdurchdringung spielen dabei eine zentrale Rolle. Ohne eine systematische Verknüpfung von Ausgaben mit Forschungs- und Innovationsprozessen bleibt ein erheblicher Teil des Potenzials ungenutzt. Trotz deutlich erhöhter Verteidigungsausgaben bleiben jedoch die finanziellen Mittel für Forschung und Entwicklung in diesem Bereich im internationalen Vergleich nach wie vor deutlich zurück.
 

STAATLICHE INVESTITIONEN IN FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG IM VERGLEICH

Staatliche Investitionen in Forschung und Entwicklung im Vergleich

 
Gleichzeitig entfaltet sicherheitsrelevante Forschung ihre Wirkung nicht allein über direkte (militärische) Anwendungen, sondern in erheblichem Maße über Spillover-Effekte in angrenzende technologische und industrielle Bereiche. Diese entstehen insbesondere dort, wo grundlegende Schlüsseltechnologien entwickelt und Kompetenzen aufgebaut werden, die sowohl militärisch als auch zivil nutzbar sind. Investitionen in sicherheitsrelevante Forschung können Innovationsdynamiken auslösen, die über den unmittelbaren Sicherheitskontext hinausreichen und die Leistungsfähigkeit des gesamten Innovationssystems stärken. Bleiben diese Effekte unberücksichtigt, wird das sicherheitspolitische Potenzial von Ausgaben systematisch unterschätzt. Das DARPA-Modell in den USA und die zahlreichen Transfers mit gesellschaftlichem Nutzen – vom Internet bis zum autonomen Fahren – sind ein eindrücklicher Beleg für zivile und militärische Wechselwirkungen, die Deutschland bisher nur unzureichend zu nutzen weiß. Damit bleiben sowohl Sicherheit als auch Wertschöpfungspotentiale hinter den Erwartungen zurück.

Entscheidend ist daher nicht nur die Höhe der eingesetzten Mittel für Verteidigung, sondern auch ihre strategische Einbettung. Erst wenn sicherheitspolitische Zielsetzungen, Forschungsagenda, Transferstrukturen und Kompetenzaufbau zusammengedacht werden, können Investitionen ihre volle Wirkung entfalten und langfristig zur Sicherheit beitragen. Dies gilt umso mehr im EU-Kontext, in dem fragmentierte nationale Forschungs- und Beschaffungsstrukturen sicherheitsrelevante Innovationen oft nicht skalieren lassen und bestehende Abhängigkeiten von außereuropäischen Anbietern verfestigen.

 

2) Sicherheitsrelevante Forschung ist Rüstungsforschung

Die Gleichsetzung sicherheitsrelevanter Forschung mit Rüstungsforschung greift zu kurz. Sie verengt den sicherheitspolitischen Diskurs auf militärische Systeme und blendet zentrale Voraussetzungen moderner Sicherheit aus. Sicherheitsrelevante Forschung umfasst weit mehr als die Entwicklung von Rüstung oder Waffensystemen.
 

Zur Definition sicherheitsrelevanter Forschung
(aufbauend auf einem umfassenden Sicherheitsbegriff):
Sicherheitsrelevante Forschung bewegt sich im Spannungsfeld von wissenschaftlicher Freiheit und gesellschaftlicher Verantwortung. Sie bringt Wissen, Technologien oder Methoden hervor, die über rein zivile Anwendungen hinausgehen können. Dazu zählen insbesondere auch Beiträge zu Resilienz und Zivilschutz, zum Schutz kritischer Infrastrukturen sowie zum Aufbau technologischer Souveränität in sicherheitskritischen Schlüsselbereichen.
 

Gerade in einer Welt hybrider Bedrohungen entscheidet sich Sicherheit nicht erst bei der militärischen Beschaffung, sondern deutlich früher: beim Wissensaufbau (zum Beispiel zu gesellschaftlicher Resilienz in Krisen), bei der technologischen Entwicklung (zum Beispiel Erforschung neuer Materialien, Stärkung ziviler Infrastrukturen) und bei der Fähigkeit zur Mehrfachverwertung von Innovationen in unterschiedlichen Nutzungskontexten.

Die Gleichsetzung von sicherheitsrelevanter Forschung mit Verteidigungsforschung verengt den Blick auf diese Zusammenhänge. Sie erschwert eine sachliche Auseinandersetzung darüber, wie zivile Forschung systematisch zur Sicherheit beitragen kann und blendet zentrale Innovationspotenziale aus. Sicherheitspolitik ohne eine aktive Forschungs- und Innovationspolitik bleibt strategisch unvollendet.

 

3) Sicherheitsrelevante Forschung ist Neuland für Hochschulen

Sicherheitsrelevante Forschung ist für den deutschen Wissenschaftsbetrieb kein Neuland. Insbesondere außeruniversitäre Forschungseinrichtungen (zum Beispiel bestimmte Fraunhofer-Institute oder das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt DLR der Helmholtz-Gemeinschaft) sind in der sicherheitsrelevanten Forschung aktiv. Die intensive Debatte über sicherheitsrelevante Forschung an deutschen Hochschulen suggeriert häufig einen normativen Konflikt. Empirisch hält diese Annahme jedoch nicht stand. Ein erheblicher Teil der deutschen Hochschulen ist bereits heute in Forschungsfeldern mit potenziell sicherheitsrelevanter Wirkung aktiv. Sicherheitsrelevante Forschung ist damit keine Ausnahme, sondern bereits Teil der wissenschaftlichen Realität.
 

IN SICHERHEITSRELEVANTEN FORSCHUNGSFELDERN AKTIVE HOCHSCHULEN

In sicherheitsrelevanten Forschungsfeldern aktive Hochschulen

 
Die Fokussierung auf Zivilklauseln greift dabei zu kurz. Diese dienen dabei primär der Selbstvergewisserung und Orientierung und schließen sicherheitsrelevante Forschung nicht grundsätzlich aus. Entscheidend ist weniger das Vorhandensein solcher Leitlinien als die Frage, unter welchen Bedingungen Kooperation, Transfer und Anwendung möglich sind.

Die eigentlichen Hemmnisse liegen in fehlenden Strukturen. Unklare Forschungsprioritäten, fragmentierte Zuständigkeiten und das Fehlen verlässlicher Übersetzungsmechanismen zwischen sicherheitspolitischem Bedarf, wissenschaftlicher Forschung und praktischer Anwendung erschweren eine systematische Zusammenarbeit. Hinzu kommt, dass klare Leitplanken für den Umgang mit sensiblen Forschungsergebnissen, Sicherheitsvorkehrungen, Schutzfragen und Verantwortlichkeiten häufig fehlen oder uneinheitlich ausgestaltet sind. Die Fokussierung auf Zivilklauseln verschiebt die Debatte und verdeckt strukturelle Defizite, die einer stärkeren Einbindung von Hochschulen in sicherheitsrelevante Forschung im Weg stehen.